Heute werde ich ein heißes Eisen anfassen. Seit meiner Ankunft auf Bali hörte ich immer wieder von Hahnenkämpfen. Sie sind dort, außer für seltene religiöse Zeremonien, verboten. Dennoch sollen sie fast in jedem Dorf abgehalten werden. Es ist eine jahrhundertealte kulturelle Tradition der Balinesen und die Exekutive sieht es mit der Strafverfolgung, sagen wir mal, eher leger. Auch wenn es ein archaisches und für „Westler“ moralisch fragwürdiges Unterfangen ist, irgendetwas in mir zog mich magisch zu einem Tajen, einem Hahnenkampf. Ich wollte ein anderes Bali sehen, abseits der Touristenstrände und den schicken Restaurants in Seminyak. Es dauerte bis zum Ende des Semesters, als wir von einer Balinesin den entscheidenden Tipp bekamen. Sie sagte uns den Tag und den Ort an dem ein Kampf stattfinden sollte. Bis zuletzt fragten wir uns, ob es moralisch und ethisch vertretbar wäre, dorthin zu fahren. Und gerade das, dieses Kitzeln, diese Spannung, gab den Ausschlag für die Entscheidung pro Hahnenkampf.

Hahnenkampf auf Bali - Zwischen Kultur und Moral - Feel the World TravelEs war ein schwül-heißer Nachmittag, als sich meine Kumpels und ich uns auf den Weg machten. Wie auf Bali üblich mit den Rollern. An der Hauptstraße in einem kleinen Örtchen unweit von Denpasar bogen wir zu einer kleinen Tempelanlage ab. Der Parkplatz war so dicht mit motorisierten Zweirädern zugestellt, dass man sich kaum einen Weg durchbahnen konnte. Die Arena war eine quadratische Fläche aus festgetretenem Sand, gesäumt von zwei tribünenartigen Sitzreihen. Dahinter war ein mannshoher Zaun, um den sich weitere Zuschauer und wir drängten. Verkäufer mit Bauchläden versuchten Maiskolben, Nüsse, Früchte, Wasser und andere Snacks an den Mann zu bringen. Und dieses „Mann“ ist wörtlich zu verstehen, denn Hahnenkämpfe sind auf Bali reine Männersache. Dann ging es los. Die Hähne wurden mit zehn Zentimeter langen Rasierklingen an den Krallen ausgestattet, durch Rupfen am Gefieder angestachelt und aufeinander losgelassen. Die Zuschauer schrien quer über die Ränge und durch die Arena ihre Wetteinsätze, denn darum geht es im „modernen“, quasi „säkularen“ Hahnenkampf hauptsächlich. Manche Kämpfe waren kurz und wuchtig, andere benötigten mehrere Runden, bis sich ein Sieger fand. Sieger ist der überlebende Hahn. Ein Kampf um Leben und Tod.

Auf Leben und Tod

Hahnenkampf auf Bali - Zwischen Kultur und Moral - Feel the World TravelDie drückend heiße Luft, die sich unter dem Dach des Tempels nochmal verstärkte, mischte sich mit dem Geruch von Blut, Schweiß, Essen und Geschrei. Eine absurde, gar surreale Szenerie offenbarte sich uns. Geldbündel wurden durch Arena über die Köpfe der Anwesenden hinweggeworfen und fanden doch immer den gegenüberliegenden Wettpartner. Irgendwann begannen wir, von dieser Atmosphäre völlig vereinnahmt und rammdösig gemacht, mit zu eifern und insgeheim auf unsere Favoriten zu tippen. Wir waren die einzigen Nicht-Balinesen und man versuchte uns in gebrochenem Englisch die Regeln der Kämpfe und des Wettens beizubringen. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Nach und nach wurden wir selbst zum Anschauungsobjekt und stolz wurden uns tote Hähne mit klaffenden Wunden gezeigt, mit dem Hinweis, dass die Verlierer im Anschluss verzehrt würden.

Als sich das Spektakel allmählich zu Ende neigte und wir uns langsam davon lösten, kam ich wieder richtig zu mir. Ich war mir vorgekommen wie in einem Traum. Die Art von Träumen, die man während eines Nachmittagsschläfchens an heißen Sommertagen hat. Fiebrig und halbwach, gefangen im Zwischenraum des Bewussten und Unterbewussten. Der Arenaboden war nun bunt. Blut, Federn und Opfergaben waren jetzt die einzigen Zeugen des Geschehenen. Als ich das Erlebte reflektierte konnte ich es nicht werten. Ja, es war brutal. Ja, es wird abseits der Religion zur Unterhaltung missbraucht. Aber auch ja, es ist kulturelles Erbe. Und ja, irgendeine Faszination geht davon aus, auch wenn ich mir das anfänglich nicht eingestehen wollte. So kam ich zu dem Schluss: Ich war froh einmal Zeuge dieser Schau geworden zu sein, der nächste Hahnenkampf würde aber lange auf mich warten müssen. Für mich selbst habe ich wieder einmal vor Augen geführt bekommen, dass die Welt mit all ihren Eigenartigkeiten nicht in eine schwarz-weiße Schablone gepresst werden kann. Man muss erleben, sich selbst ein Bild machen und dann eine reflektierte, wohlüberlegte Meinung bilden, die so viele Faktoren wie möglich mit in Betracht zieht. Auch deshalb ist Reisen so wichtig.

euer David

 Anmerkung von Feel the World:  Wir möchten mit der Veröffentlichung dieses Artikels nicht zum Ausdruck bringen, dass wir Hahnenkämpfe auf Bali (oder in anderen Regionen der Welt) unterstützen oder diese wohlwollend tolerieren. Die Durchführung ebenso wie die Unterstützung von derartigen Veranstaltungen, widerspricht unserem Verständnis vom verantwortungsvollen Umgang mit Tieren sowie unseren Feel Responsible Grundsätzen. Wir würden derartigte Veranstaltungen nie im Verlauf unserer Touren anbieten oder diese bewerben. Nichtsdestotrotz können und wollen wir uns nicht der Tatsache verschließen, dass derartige Hahnenkämpfe zur kulturellen Realität in vielen Ländern Asiens, und somit auch in unseren Zielgebieten wie Bali oder Thailand, zählen.

Ungeachtet unseres Standpunkts gehört es unserer Meinung nach zum Verständnis einer Kultur sowie zum eigenen Erleben eines Landes unverzichtbar dazu, sich auch der manchmal kontroversen und ‘unbequemen’ Aspekte des örtlichen Alltags bewusst zu werden und sich ein möglichst informiertes eigenes Bild dieser zu machen. Diesen Zweck erfüllt Davids persönlicher, intensiver Bericht in unseren Augen sehr gut und wir freuen uns über seine reflektierten Einblicke in die “Parallelwelt” der Hahnenkämpfe, einem für uns “Westler” gerne tabuisierten Thema. Denn auch die differenzierte Auseinandersetzung mit solchen “Tabuthemen” (ohne diese zwangsläufig zu unterstützen) entspricht unserem Ideal von Feel Culture – dem hautnahen, echten Erleben der örtlichen Kultur und in diesem Sinne unterstreichen wir Davids Fazit. 

David Bockelt

David

Travel Blogger bei Feel the World Travel
„Oh, I'm sailin' away, my own true love
I'm sailin' away in the morning
Is there something I can send you from across the sea
From the place that I'll be landing?“
Bob Dylan’s Frage, was er von der Reise als Souvenir schicken solle, kann ich zumindest für mich beantworten. Ich habe unglaublich viele Erlebnisse, Begegnungen und Erinnerungen von meinem halbjährigen Aufenthalt in Bali mitgebracht. Diese Eindrücke sind meine Souvenirs die ich euch gerne „senden“ möchte. Durch mein Tourismusstudium bin ich quasi zum Reisen verdammt, um die Theorie mit praktischen Erfahrungen zu fundamentieren ;) Dabei spielen für mich Attribute wie Echtheit, Eintauchen und Treiben lassen eine entscheidende Rolle. Und Musik, denn Musik schafft auf Reisen immer eine ganz besondere Atmosphäre. Also, viel Spaß beim Lesen und „selamat jalan“!
David Bockelt