Voluntourismus – Immer nur gut?

von | 04.08.2020 | Feel Responsible

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Wir bei Feel the World Travel werden oft darauf angesprochen, warum wir nicht unsere Reisen mit Freiwilligenarbeit verbinden. Auch wenn wir selbst keinen Voluntourismus betreiben, sehen wir uns in der Verantwortung, auch auf andere Formen des Tourismus aufmerksam zu machen und diese offen zu hinterfragen. Dafür möchten wir hier den Begriff „Voluntourismus“ näher erläutern, auf die mögliche Problematiken genauer eingehen und dir mögliche Alternativen aufzeigen.

Voluntourismus liegt im Trend

Die Reiseart „Voluntourismus“ ist mittlerweile zu einem wahren Trend herangewachsen und erfreut sich weltweit äußerster Beliebtheit. Zudem ist die Branche zu einem anerkannten Geschäft geworden. Die Gesellschaft für Tourismus- und Freizeitforschung schätzte den Wert dieses Wirtschaftszweiges im Jahr 2008 auf etwa zwei Milliarden Dollar – und das bei ungefähr 1,6 Millionen Voluntouristen pro Jahr. Das freiwillige Engagement von Reisenden ist vom ersten Ansatz her häufig gut gemeint. Doch es schadet leider allzu oft stärker, als das es den ärmeren Regionen der Welt nützt. Wenn man zuvor nicht genau genug hinschaut!

Was bedeutet Voluntourismus?

„Voluntourismus“, setzt sich aus den beiden Worten Volunteering (zu Deutsch Freiwilligenarbeit) und Tourismus zusammen. Darunter versteht man also eine freiwillige Tätigkeit, die im Urlaub bzw. während dem Reisen stattfindet. Dabei werden meist soziale Projekte mit Kindern oder Tieren unterstützt. Es ist jedoch entscheidend, dass im Gegensatz zur reinen Freiwilligenarbeit zusätzlich auch touristische Angebote in Anspruch genommen werden. Voluntourismus sollte also nicht mit dem reinen Volunteering bzw. der Freiwilligenarbeit verwechselt werden. Diese reine Freiwilligenarbeit ist vorwiegend organisierter und dauerhafter Natur und weist einen deutlich geringeren oder sogar gar keinen touristischen Charakter auf. Das ist bei Voluntourismus nicht der Fall! 

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Warum steht die Umsetzung häufig in der Kritik?

Der Grundgedanke von Voluntourismus ist erst einmal sehr verlockend. Reisende unterstützen bedürftige Menschen und leisten auf diese Weise einen positiven Beitrag. Doch leider werden wiederholt neue Fälle bekannt, bei denen die Umsetzung äußerst fragwürdig ist. Bedingt durch die starke Nachfrage nach freiwilligen Tätigkeiten im Ausland, bei denen vor allem „authentische“ Erlebnisse gesucht werden, ist mittlerweile ein großer Wirtschaftszweig in der touristischen Freiwilligenarbeit entstanden. Zusätzlich nutzen viele Medien den Begriff Voluntourismus häufig in überfrequentierter Art und Weise. Gemeint sind damit tatsächlich verschiedenste Formen der Freiwilligenarbeit. 

Freiwilligenarbeit unter falschem Vorwand

Freiwillige kommen um zu helfen und um eine neue Welt kennen zu lernen! Das Problem dabei ist jedoch, dass die freiwilligen Helfer auch die Möglichkeit haben, jederzeit wieder zu gehen. Viele Kinder leiden unter den ständig wechselnden Bezugspersonen, zu denen sie immer wieder schnell eine Beziehung aufbauen. Das ist insbesondere im frühkindlichen Alter schwer zu verstehen und daher nicht zu empfehlen.

Hinzu kommt, dass leider viele der Organisationen und Projekte kaum extern überprüft werden und oft auch unter falschem Aufwand Spender und zahlende Freiwillige anlocken. Medien berichten, dass vor allem von Ländern wie Nepal bekannt ist, dass Kinder und Jugendliche von ihren Familien getrennt werden, um als verwaist und hilfsbedürftig dargestellt werden zu können. In vielen ländlichen Regionen Nepal’s versprechen die Betreiber den Familien häufig eine bessere Versorgung und Ausbildung für ihre Kinder. In Wirklichkeit sollen die Jungen und Mädchen aber angeblich nur den durchreisenden Touristen Spenden entlocken.

Eine Studie der NGO Next Generation Nepal zeigt, dass die Zahl von Waisenhäusern, seit 2010 im Himalaja stark zugenommen hat. Seit dem starken Erdbeben im April 2015 ist diese Zahl sogar noch weiter gestiegen. Gleichzeitig sollen mindestens zwei Drittel der Kinder, die in diesen Institutionen lebten, keine Waisen gewesen sein. Stattdessen soll zumindest ein Elternteil noch lebend gewesen sein. Die Studie beschreibt, dass den Kindern meist mit körperlicher Gewalt gedroht wurde, falls sie  den Freiwilligen oder Touristen erzählen sollten, dass sie eigentlich keine Waisen seien.

Berichte zeigten, dass dies leider kein Einzelfall ist! Vielen Kindern wird weltweit der Kontakt zu ihren Familien verweigert. Oft sollen sie auch aus Profitgier verschleppt und ausgenutzt werden, wodurch grundlegende Menschenrechte missachtet werden. Diese sogenannte „Papierwaisen“, werden oft auch mittels falscher Papiere zu Waisen erklärt. Laut der Organisation Terre des hommes hatten rund 85 Prozent der ca. 16.000 Kinder, die beispielsweise in nepalesischen Waisenhäusern leben, mindestens ein Elternteil. Erschreckenderweise wurde kaum einer der Verantwortlichen je zur Rechenschaft gezogen!

Lachendes Kind

Freiwilligenarbeit leider oft mehr Belastung als Hilfe

Für eine Win-Win-Situation bedarf es häufig bestimmter Fähigkeiten, die man als Freiwilliger mitbringen sollte. Diese Fähigkeiten sollten dann im Idealfall vor Ort auch wirklich benötigt werden. Nur wenn das gewährleistet ist, kann eine werthaltige Beziehung zwischen den Helfern und den Organisationen vor Ort entstehen. Bei bspw. einem Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen, können Freiwillige oft kaum helfen. Ihnen fehlt die Ausbildung, sie können sich meist kaum verständigen und sind somit eher eine Art Belastung als eine tatsächliche Unterstützung vor Ort.

Auch bei Projekten, bei denen man mit Kindern oder Tieren zusammenarbeitet, ist es wichtig, dass man eine einigermaßen klare Vorstellung über die Art und Weise der Umsetzung hat. Andernfalls kann eine sinnvolle Unterstützung vor Ort kaum nachhaltig funktionieren. Man sollte sich also vor einem Einsatz Gedanken darüber machen, welche Fähigkeiten man einbringen kann und wie andere davon profitieren können. Zudem sollte man sich fragen, was die persönliche Definition von einer „sinnvollen“ Hilfe ist. Es sollte einem klar werden, ob man die eigenen Ziele mit den gegebenen Voraussetzungen auch wirklich erreichen kann und dies unter den Bedingungen möchte.

Chancen und positive Auswirkungen von nachhaltigem Voluntourismus

Natürlich gibt es auch positive Seiten des Voluntourismus und diese möchten wir nicht verschweigen. Immer dann, wenn die lokale Bevölkerung im Vordergrund steht und die Projekte auch für deren Unterstützung konzipiert wurden. Solche Projekte werden meist von Einheimischen initiiert und nicht für potenzielle, zahlende Freiwillige geschaffen. Es steht also die Integration der lokalen Bevölkerung im Vordergrund, wodurch es mit den Freiwilligen zu einem interkulturellen Austausch kommt. In gut organisierten, nachhaltig orientierten Organisationen sind die Aufgaben und Tätigkeiten der Freiwilligen in dem Projekt eindeutig verteilt. Sie unterstützen und helfen lediglich mit und sollen in keinem Fall der lokalen Bevölkerung ihre Arbeitsplätze wegnehmen. Es sind also per se nicht alle Voluntourismus-Anbieter und deren Projekte schlecht. Aus diesem Grund gilt es bei der Auswahl eines Anbieters besonders sorgfältig zu sein und sich gut zu informieren! Dann kann Voluntourismus ein sehr erfüllendes Erlebnis werden.

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Qualitätsmerkmale bei Anbietern – zum Schutz der Kinder & der Bevölkerung

Inzwischen bieten sehr viele kommerzielle Organisationen verschiedene Kombinationen aus Freiwilligenarbeit und Urlaub an. Wenn dich eine individuelle Freiwilligentätigkeit interessiert, solltest du auf folgenden Punkte besonders achten:

  • Nachhaltigkeits-Engagement:  Dabei ist vor allem zu beachten, wie viel vom letztlichen Reisepreis tatsächlich an die Organisation vor Ort geht. In vielen Projekten geht es häufig bevorzugt um den eigenen Profit. Daher solltest du auf jeden Fall verschiedene Anbieter und deren Projekte, Werte und Philosophien vergleichen.
  • Waisenhäuser: Organisationen, die Waisenhäuser im Programm haben sollten prinzipiell hinterfragt werden. Gerade Kinder, die ihre Eltern verloren haben brauchen einen geregelten Tagesablauf und sollten in diesem nicht gestört werden. Bedauerlicherweise werden Kinder wiederholt ausgenutzt um Spenden von Reisenden einzutreiben oder sogar an großzügige Spender für einen Tagesausflug „mitgegeben“. Auf diese Art kann der Schutz von Kindern einfach nicht gewährleistet werden.
  • Langfristigkeit: Konzentriere dich auf Anbieter, die dafür sorgen, dass die Projekte auch nach der Abreise weitergeführt werden. Versuche daher am besten, Beziehungen vor Ort aufzubauen. Somit kannst du besonders den Regionen helfen, in denen fehlende Bürokratie und Formalitäten der Grund sind, dass Entscheidungen zu wenig oder erst nach Monaten oder Jahren gewinnbringend für die Gesellschaft getroffen werden.
  • Souveränität: Mit der Unterstützung eines kurzfristigen sozialen Projektes im Ausland hilft man leider meist eher sich und dem eigenen Lebenslauf, als tatsächlich den Kindern vor Ort. Daher wird ein verantwortungsvolles Unternehmen einen vor dem Beginn gut kennen lernen wollen, um mehr über die Persönlichkeit, Erfahrungen, Fähigkeiten und Talente herauszufinden.

Hast du Interesse an einer freiwilligen Tätigkeit? Dann empfehlen wir dir die Netzwerke  WWOOF oder HelpX. Dort findest du hauptsächlich Projekte aus dem Bereich ökologische Landwirtschaft und familienbetriebene Unterkünfte, bei denen ein sehr geringes Risiko besteht, ernsthafte Schäden für Menschen und Tiere anzurichten. 

Feel the World Hilfsbeitrag

Unsere Alternative zum Voluntourismus: Der HilfsBeitrag

Uns ist es wichtig, den Menschen vor Ort etwas zurückzugeben und die lokale Kultur langfristig zu stärken. Deswegen unterstützen wir die Menschen vor Ort schon seit Jahren mit unseren Feel the World HilfsBeitrag. Hierbei wird im Rahmen jeder Tour ein lokales Projekt unterstützt, an dem wir uns direkt oder indirekt beteiligen. Das Prinzip dahinter ist ganz einfach: Auf jeder unserer Reisen spenden wir 1% des Reisepreises aller Teilnehmer an ein örtliches Hilfsprojekt. Die Organisationen setzen sich für hilfsbedürftige Menschen, Tiere oder die Natur vor Ort ein. Das Beste daran: Die Reisenden entscheiden selbst, wohin ihr HilfsBeitrag fließt.

Unser Motto: Feel Responsible

Nach dem Motto „Feel Responsible“ hinterfragen wir unsere Aktivitäten ständig aufs Neue. Wir wählen bewusst nachhaltig orientierte, kleine, lokale Anbieter & Unterkünfte aus. Durch diesen langfristig orientierten Ansatz sehen wir die Chance, durch unsere Erlebnisreisen einen positiven Unterschied vor Ort zu machen. Anhand unserer wiederholten Überprüfungen und der bewussten Streuung unserer HilfsBeitrag-Einsätze, machen wir keine lokalen Organisationen vor Ort von unseren Reisenden abhängig. So können wir sichergehen, dass keine „Scheinwelt“ oder „Pseudo-Projekte“ für uns kreiert oder künstlich am Leben gehalten werden. Und gerade deswegen reisen wir nachhaltig und bewusster während unserer Feel the World Abenteuerreisen!

Informiere dich gerne weiter über dieses wichtige Thema und sei ein Teil von nachhaltigem, fairen und sicherem Tourismus für alle daran Beteiligten!

Dein Feel the World Team

Autor: Vanessa Merk

Studentin an der Hochschule Heilbronn mit dem Schwerpunkt Tourismus & Nachhaltigkeit. Derzeit Werkstudentin bei Feel the World mit genau diesem Schwerpunkt. 😉

Autor: Vanessa Merk

Studentin an der Hochschule Heilbronn mit dem Schwerpunkt Tourismus & Nachhaltigkeit. Derzeit Werkstudentin bei Feel the World mit genau diesem Schwerpunkt. 😉

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